Resonanz – ein Moment, in dem der Funke überspringt. Ausgehend von einem selbst gewählten Werk der Kunstgeschichte haben sich die Lernenden gestalterisch mit einem daraus entwickelten Thema auseinandergesetzt. Lassen Sie sich inspirieren und entdecken Sie die Vielfalt der gestalterischen Auseinandersetzungen. Wo springt bei Ihnen der Funke über?
Mit Werken von
Thara Joy Bebi, Sara Blockwitz, Dominik Burgherr, Emma Burkart, Aliyah Busslinger, Moa Matilda Camponovo, Sonja Cheptiakova, Anne Derycke, Tija Shayenne Dimitrov, Falisha-Putri Eron, Vivienne Goethals, Liv Elea Heinz, Victoria Hümbeli, Caroline Denise Juchli, Titus Kappeler, Juliette Kolberg, Roni Muhammad, Ronja Recaj, Marco Perez, Una Pejic, Carmen Streicher-Porte, Lea Tomic, Olivia Waltenspül, Linda Wohlfarth, Karma Zobrist
DACHGESCHOSS OST
Caroline Denise Juchli: «Im Namen der Ästhetik» thematisiert die selektive Wahrnehmung im Kontext des Fast Fashion Konsums und der Ausbeutung von Textilarbeiter:innen. Als Inspiration diente „So sieht sie aus, mein Kind, diese Welt“ von Friedl Dicker-Brandeis, eine antifaschistische Collage von 1933, die hier auf Konsumillusionen und deren Konsequenzen umgedeutet wird. Die Collage setzt das Symbol der rosaroten Brille ins Zentrum. Der Betrachter blickt hindurch in die verlockende Welt billiger und trendiger Fast Fashion, während jenseits des Brillenrands die wahren Kosten sichtbar werden.
Wie viel Ausbeutung sind wir bereit, im Namen der Ästhetik zu verantworten?
Roni Muhammad: «Revolution führt das Volk» greift “Die Freiheit führt das Volk” von Eugène Delacroix auf und überträgt das historische Revolutionsmotiv auf den kurdischen Freiheitskampf. Die Figuren des Originals werden durch kurdische Kämpfer:innen ersetzt, um den fortwährenden Kampf um Selbstbestimmung sichtbar zu machen. Im Mittelpunkt steht eine Frau, die den Slogan „Jin, Jiyan, Azadî“ („Frau, Leben, Freiheit“) aus der kurdischen Frauenbewegung verkörpert. Sie verdeutlicht die zentrale Rolle der Frauen im Streben nach Freiheit. Gleichzeitig erinnern die gefallenen Figuren im Vordergrund an die Folgen des Widerstands.
Aliyah Busslinger: «Wir sind der Wald» thematisiert die Beziehung zwischen Mensch und Natur, respektive deren Trennung durch Infrastruktur. In einem detailreichen Wimmelbild wird ein Wald gezeigt, der durch eine Mauer begrenzt ist, hinter der eine Rennbahn angelegt wurde. Die Figuren interagieren mit ihrer Umgebung, indem sie mit ihr verschmelzen oder Widerstand leisten. Dadurch wird die Spannung zwischen natürlicher Lebendigkeit und technischem Eingriff beleuchtet. Als Referenzwerk dient das Video „We Are the Forest enclosed by the Wall“ von Oliver Ressler, das den Widerstand gegen die Begrenzung eines Waldes in Apulien zeigt.
Juliette Kolberg: «Abgelenkt» erkundet in ihrer Collage, den Konflikt zwischen dem Wunsch, sich dem persönlichen Leben hinzugeben und dem gleichzeitigen Druck, sich für eine zukunftsfähige, gesellschaftliche Perspektive einzusetzen. Ausgehend von eigenen Fotografien werden alltägliche Szenen mit Darstellungen belastender Themen gezeigt. Als Referenz dient das Werk „House Beautiful: Bringing the War Home“ von Martha Rosler, in welchem private Innenräume mit Kriegsbildern verschränkt werden.
Ronja Recaj & Karma Zobrist: «To Tug at Heartstrings» ist ein Gemeinschaftsprojekt, das die zwischenmenschliche Resonanz – jenes unsichtbare Band, das uns verbindet und bewegt – erkundet. Jeder Mensch trägt eigene Erfahrungen in sich, welche aufgriffen und in einen kollektiven Dialog überführt werden. Inspiriert wurde die Arbeit von persönlichen Erlebnissen sowie von Heinrich von Kleists Drama „Penthesilea”, in welchem die Vielschichtigkeit und Tragik menschlicher Beziehungen auf radikale Weise entfaltet werden. Im Zentrum der Umsetzung steht der bewusste Kontrast zweier Materialien: Ein weiches, vertrautes Material trifft auf ein hartes, fremdes. Dieser Gegensatz spiegelt die Spannungen wider, die zwischenmenschliche Beziehungen prägen – zwischen Nähe und Distanz, Vertrautheit und Fremde. Die Wahl der Materialien lädt ein, über die eigenen Grenzen und die der anderen nachzudenken.
DACHGESCHOSS WEST
Una Pejic: «Seelische Resonanz» thematisiert die emotionale Verbundenheit zwischen zwei Menschen – unabhängig von Herkunft und Aussehen. Das Werk wurde als digital gezeichneter Comic auf dem iPad umgesetzt. Als Bezugswerk diente Hilma af Klints Serie „The Ten Largest, Adulthood“ mit der zentralen Botschaft: „Innere Ordnung, Reife und Zustände existieren unabhängig von äusseren Umständen.“
Falisha Eron: «Naturpixel» erforscht das Spannungsfeld zwischen Natur und Technologie um die Frage zu stellen, wie sich unsere Wahrnehmung verändert, wenn beide Welten aufeinandertreffen. Diese Spannung entsteht durch das Zusammenspiel eines Gemäldes aus organischen Naturmaterialien und einer darauf projizierten Animation, die den sich zersetzenden Bildgrund zum Leben erweckt und ihm eine neue, digitale Existenz verleiht. Als Inspiration diente „Pixelwald“ von Pipilotti Rist im Kunsthaus Zürich, das die Natur in ein technisches Wesen verwandelt.
Sonja Cheptiakova: «Was ist ein Mensch? » zeigt einen Animationsfilm über den wechselnden Gegensatz zwischen äusserem und innerem Erscheinungsbild von einer fiktiven Figur und einem realitätsgetreuen, abstrakt gezeichneten Menschen: Die fiktive Figur symbolisiert dabei eine mögliche Zukunftsentwicklung der Technologie und der Künstlichen Intelligenz. Als Resonanz dient das Werk „Giants“ (2018) von der Künstlerin Barbara Kapusta, welches sich mit Identität, Sprache, Gender und Erscheinungsform auseinandersetzt.
ERSTES OBERGESCHOSS
Olivia Waltenspül und Thara Joy Bebi: „Vielfrass“ ist eine Installation, die auf der Resonanz der Werke „Crucified Cow“ von Damien Hirst und „Glacier Dreams“ von Refik Anadol basiert, womit eine Verbindung zwischen Mensch und Natur, Konsumobjekt und Wegbegleiter hergestellt wird. Anamorphosen in der Technik der Cyanotypie zeigen die Wechselwirkungen von Tierselektion, Umweltbelastung und Klimawandel. Eine vertraute Figur wird zum Spiegel menschlicher Verantwortung und tritt in den Dialog mit den gesellschaftlichen Gewohnheiten der Haustierhaltung und deren ökologischen Konsequenzen. Wo verläuft die Grenze zwischen Tiergefährten und Überdomestizierung?
Liv Elea Heinz: «(un)sichtbar» thematisiert zwischenmenschliche Resonanz und deren gezielte Entziehung. Fotografien werden mit Acrylfarbe übermalt, wodurch zentrale Bildinformationen, wie ein Blick oder ein Objekt entfernt werden. Dadurch verliert das Bild seine Eindeutigkeit, wodurch andere Details in den Vordergrund treten. Woran ist Resonanz gebunden und wie verschiebt sie sich? Als Referenzwerk dient Gerhard Richters „Betty“ (1988), in dem die abgebildete Person den Blick entzieht und so bei den Betrachtenden ein Verlangen nach einer Reaktion provoziert, die unerfüllt bleibt.
Tija Shayenne Dimitrov: «Am Tisch» thematisiert zwischenmenschliche Resonanz im Spannungsfeld von Begegnung, Gemeinschaft und Entschleunigung. In Form einer interaktiven Installation und Happening wird ein bewusst niedrig platzierter, in vier Zonen gegliederter Tisch zum zentralen kollektiven Resonanzkörper. Besucher:innen werden selbst zu aktiven Teilnehmenden; sie setzen sich auf Sitzkissen nahe dem Boden, nehmen und teilen farblich abgestimmtes Gebäck und treten über thematischen Fragekarten in Austausch. Inspiriert vom ex-jugoslawischen Ritual des Brotteilens als Symbol für Liebe, Zusammenhalt und Verbundenheit, wird das gemeinsame Nehmen und Teilen des Gebäcks zur Handlung, die Grenzen auflöst und spürbare Verbindung schafft. Eine Einladung zum Innehalten und vertiefter Begegnung jenseits oberflächlichen Smalltalks. Als Resonanzwerk dient „Archipelago in Sauce“ von Mariana Castillo Deball.
Linda Wohlfarth: «Boys Will Be Boys and We Will Keep Hating Girls»
Warum vertreten Menschen in Machtpositionen immer noch frauenfeindliche Ansichten? Worte sind nicht neutral; sie formen Wahrnehmung, beeinflussen Denken und prägen gesellschaftliche Realitäten. Die inszenierten Fotografien und Zitate zeigen auf, wie tief bestimmte Ausdrucksweisen und Stereotype in unserem Alltag verankert sind, oft unbemerkt, oft unhinterfragt. Viele vorgefasste Meinungen und Bilder nehmen wir unbewusst auf und tragen sie weiter. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema beginnt bei uns selbst. Veränderung ist möglich, wenn wir uns dieser Muster bewusst werden. Als Inspiration dienten Arbeiten von Cindy Sherman sowie die Werbekampagne “Like A Girl” von Lauren Greenfield für Always (2014), die durch performativen Aktionen negative Frauenstereotype dekonstruieren will.
Victoria Hümbeli: «Till Death Do Us Part» zeigt den Gegensatz zwischen äusserem Schein und innerer Realität. In einem grossen, dreidimensionalen Blütenkelch sind Zeitungsartikel über die Gewalt an Frauen verborgen. Die Blume steht für die gesellschaftlichen Erwartungen an Weiblichkeit, wie Schönheit und Zerbrechlichkeit, während die versteckten Artikel auf Ängste und Gefahren hinweisen. Als Resonanz dient das Werk „Do Women Have to Be Naked to Get into the Met. Museum?“ (1989) von den Guerrilla Girls, das die Unterrepräsentation von weiblichen Künstlerinnen in Museen kritisiert.
Vivienne Goethal: «Human AI» thematisiert den Wandel kreativer Prozesse vor dem Hintergrund der kommerzialisierten Künstlichen Intelligenz. Im interaktiven Büro «Human AI» wird eine Arbeitswelt inszeniert, in der Bilder scheinbar maschinell entstehen. Besucher:innen können in der Installation den Prozess eigenständig ausprobieren und aktiv daran teilnehmen. Als Resonanzwerk dient die “Spin Painting Machine” von Damien Hirst, die das Zusammenspiel von Mensch und Maschine reflektiert. Die Arbeit lädt dazu ein, den heutigen Umgang mit KI und deren Einfluss auf kreative Arbeit kritisch zu hinterfragen.
Dominik Burgherr: «Der stille Schrei» greift die bis heute unbeantwortete Frage aus Edvard Munchs ikonischem Gemälde auf: Warum schreit die Figur? Aus dieser Leerstelle entsteht eine zeitgenössische Interpretation, die den Schrei nicht erklärt, sondern neu erfahrbar macht.
Im Zentrum steht eine eigens für die Maturaarbeit entwickelte Comicfigur, deren Geschichte sich in drei aufeinanderfolgenden Bildern entfaltet. In comicartiger Form verdichten sich herangetragene Kommentare, digitale Reizüberflutung und gesellschaftliche Erwartungen zu einem stetig wachsenden Druck. Der Schrei selbst, bleibt „still“ – als Ausdruck persönlicher Überforderung, die in der digitalen Welt wirkungslos verhallt.
TREPPENHAUS/ WC
Lea Tessa Chiara Tomic, Anne Derycke, Carmen Mira Streicher-Porte: «Stilles Örtchen» ist eine Rauminstallation, die einen funktionalen WC-Raum in einen immersiven, tropischen Dschungel im Morgengrauen umwandelt. Mit Papiermaché, Stoffen, Pflanzen sowie Licht und Klang entsteht ein atmosphärischer Rückzugsort. Als Resonanzwerk dient “Puberty” von Edvard Munch, dessen existenzielle Angst hier in eine stille, naturhafte Zuflucht überführt wird.
TIEFPARTERRE
Sara Blockwitz: «Lost in Language» thematisiert Sprachbarrieren und Ausgrenzung anhand eines Video-Porträts ihrer Grossmutter. Auf Türkisch erzählt sie über ihre Ankunft in der Schweiz, ihrer Schwierigkeiten und ihrer Isolation. Die Installation greift dieses Wahrnehmung auf und macht erfahrbar, wie es ist, die lokale Sprache nicht zu verstehen. Als Referenz dient Cildo Meireles’ “Babel” (2001), dessen Auseinandersetzung mit Sprachvielfalt und fehlender Verständigung hier in einen persönlichen Kontext übertragen wird. Damit wird gezeigt, wie Sprache den Alltag prägt und Zugehörigkeit beeinflusst.
Emma Burkart: «Leihgabe» kritisiert die menschliche Haltung, sich natürliche Ressourcen selbstverständlich anzueignen. Es stellt die Frage, wem diese eigentlich gehören. Ausgangspunkt ist die Arbeit mit Bienenwachs, einem Material, das vom Menschen genutzt wird, ohne dass er es selbst erzeugt. Daraus wurden Vasen mit Blumen geformt, bewusst menschliche Artefakte, die für Kultur und Besitz stehen. Anschliessend wurden die Objekte den Bienen zurückgegeben. Die Kontrolle wurde bewusst abgegeben und den Bienen überlassen. Sie veränderten oder überbauten die Formen, sodass ein gemeinsames Werk entstand. Nach der Ausstellung kehren die Objekte endgültig in den Bienenstock zurück. Inspiriert wurde das Werk durch Wolfgang Laib, Zikkurat.
Moa Camponovo: «Einfach Anfangen» ist eine Reaktion auf die vielen Wahlmöglichkeiten unserer Zeit aber auch die hohen Ansprüche an sich selbst. Bei dem Werk handelt es sich um einen autofiktionalen Comic über den Prozess von der Ideensuche über viele Hürden, Umwege, Prokastinationsleerläufen bis hin zum fertigen Produkt. Inspiration bot unter anderem das „Wandazin“ – ein Fanzine von Wanda Duffner. Die Bildergeschichte lässt sich als Heftchen anschauen aber auch zu einem A1-Format aufklappen, das als Gesamtes betrachtet werden kann. Wer weiss, vielleicht erkennen sich einige in der Geschichte wieder.
Titus Kappeler: «Profit Incentive – Raub im Gluri Suter Huus», eine Installation mit begleitendem Video erzählt die Geschichte rund um den Raub des Gemäldes “Rüeblichueche”. Darin wird die Thematik einer generativen KI, welche massenweise und profitorientiert Kunstwerke ‘repliziert’, mit physischem Kunstraub in Verbindung gesetzt. Die Fragen, welchen Wert Kunst hat und welches die wahren Intentionen hinter künstlichen Intelligenzen sind, schwingen dabei mit. Als Resonanzwerk dient der Raub der Mona Lisa im Jahre 1911, der das Werk berühmt machte.
Marco Perez: «Timeless» ist eine audiovisuelle Installation, die trotz ihres Minimalismus ein immersives Erlebnis schafft, indem Gitarrenklänge und Visuals miteinander verschmelzen. Das Werk verkörpert das Gefühl der Entschleunigung und den Wunsch, die Zeit einfach anhalten zu können – ein Empfinden, das uns im hektischen Alltag oft überkommt, wenn alles ein wenig zu schnell voranschreitet. Inspiriert von der audiovisuellen Installation „Bass“ des britischen Künstlers und Filmregisseurs Steve McQueen, dessen Werk auf Minimalismus und Körperlichkeit basiert.