Georg Aerni (*1959, lebt in Zürich) untersucht in seiner fotografischen Serie Tessuto die Stadt Genua als ein vielschichtig gewachsenes Gefüge. Dabei richtet er seinen Blick auf Infrastrukturbauten in meist hügeligem Gelände, auf Durchdringungen von Vegetation und Architektur, auf Schutzhüllen und Einzäunungen. Der Titel Tessuto – italienisch für Gewebe – verweist auf Aernis Verständnis der Stadt als stoffliche, nicht rein funktional erklärbare Struktur, geprägt von Alterungsspuren, Übergängen und Brüchen. Seine Fotografien zeigen einen bunten Stadtkörper, in dem sich Zeit eingeschrieben hat, der zwischen Zerfall, Reparatur und Erneuerung oszilliert.
Giampaolo Russo (*1974, lebt in Zürich) richtet den Blick auf einen Süden, der sich der Idylle verweigert. Seine Zeichnungen und Bilder lassen Landschaften aus Apulien und aus seinem Atelier in Zürich als Fragmente einer Erinnerung erscheinen, die sich auflöst und neuformiert – geprägt von Abwesenheit, Spannung und innerer Unruhe. Herkunft wird zur Materie, roh und gegenwärtig, ohne Nostalgie und ohne Versöhnung. Russo erzählt von Herkunft und Identität als innerem Ge- flecht, in dem Ordnung und Unordnung, Regel und Leidenschaft untrennbar verbunden sind. Russos direkte und unvermittelte Bildsprache macht das Sichtbare und das Unbewusste zugleich spürbar.
Beide Positionen verhandeln Zeit, Wandel und Kontinuität – einmal im Stadtkörper, einmal im Gedächtnis – und eröffnen so unterschiedliche, aber verwandte Perspektiven auf die Schichtung von Raum und Leben.